Von Ende Dezember 2006 bis Ende Jänner 2007 lief in Österreich die Kommunikationskampagne www.blackaustria.at zum Abbau von Vorurteilen: Nicht nur wir, sondern auch viele ÖsterreicherInnen hatten es satt, immer nur die verzerrten Nachrichten und Bilder über Schwarze Menschen in diesem Land zu konsumieren.
Egal ob diese Schwarzen Menschen aus Afrika, Europa, Nordamerika oder Lateinamerika stammen, wir waren stets mit zwei gängigen Vorurteilen konfrontiert: Auf der einen Seite das Vorurteil des Kriminellen oder der Prostituierten, auf der anderen Seite das des “Opfers” – von Rassismus, von Ausbeutung, Krieg und Diktatur. Und dieses zweite Vorurteil macht aus uns jene, denen ewig zu helfen sein wird, die nicht wirklich mündige Menschen sein können.
Das Projekt Black Austria brach mit diesen gängigen Klischees. Zum ersten Mal in der Geschichte Österreichs haben Schwarze Menschen schlicht auf Plakaten für sich geworben, für ihr Da-Sein. Nicht für irgendeine Marke oder als Spendenköder für Entwicklungshilfe. Die Kampagne löste ein ungeheures Medieninteresse aus. Von allen Medien, die darüber berichtet haben, wurde die Kampagne positiv bewertet. Mainstream sowie Community Medien unterstützten so diese Initiative auf ihre Art.
Die Gründe, warum bisher so verzerrte Bilder über Schwarze Menschen die öffentliche Meinung geprägt haben, sind meiner Meinung nach auf drei Ebenen zu suchen:
Die Sozialisationsebene: Die Sozialisation hängt viel von der Ausbildung ab. Mit welchen Bildern von Afrika und seinen Menschen wachsen seit mehreren Generation unsere Kindern auf? Österreichische sowie Kinder mit Migrationshintergrund, die im Lande Mozarts in die Schulen gehen, sind daran gewöhnt, klischeehafte Bilder, die in den verschiedenen Unterrichtsmaterialen zu finden sind, präsentiert zu bekommen. Viele Projekte die über Afrika und seinen Menschen mit guter Absicht realisiert werden, finden zu 80 bis 90 Prozent auf der Schiene von Entwicklungshilfe statt. Nichts Positives kommt vor. Schwarze Erfinder werden nie erwähnt. Nichts intellektuell Stimulierendes wird erwähnt. Wir sind immer die besten SportlerInnen. Und die besten MusikerInnen, aber nicht im Sinne von z.B. klassischer Musik: Bekannt sind Schwarze Jazz MusikerInnen, Schwarze im Bereich der Klassischen Musik werden, bis auf wenige Ausnahmen, bewusst oder unbewusst ausgeblendet.Die inhaltliche Ebene: Vor kurzem las und hörte ich in vielen Medien aus Österreich und Deutschland, dass der amerikanischer Präsidentenschaftskandidat Barack Obama ein Farbiger sei. Während dieser Kandidat sich selbst als Schwarzer betrachtet, übersetzen noch viele JournalistInnen das englische Wort „Black“ als „Farbiger“ ins Deutsche. Hier daher die Bitte: Liebe Journalisten, nennen Sie uns Schwarze und nicht Farbige! Eine andere inhaltliche Ebene ist die Kriminalberichterstattung. Ist es wirklich entscheidend für Qualitätszeitungen, die ethnische Zughörigkeit von mutmaßlichen Kriminellen zu erwähnen? Die Nennung der ethnischen Zugehörigkeit der Beschuldigten stellt keine zwingende Notwendigkeit für das Verständnis der Berichterstattung dar. Was wir brauchen, ist eine diskriminierungsfreie Berichterstattung.
Die Medienebene: MedienmacherInnen sind MeinungsbildnerInnen ersten Grades. Es liegt in ihrer Verantwortung, grundlegende Veränderungen zu initiieren und implementieren.
Und hier hat sich durchaus bereits etwas getan. Als langjähriger Chefredakteur von Radio Afrika sowie von Tribüne Afrikas Print (eine Printbeilage in der Wiener Zeitung von April 2000 bis März 2005), Mitbegründer und Redaktionsleiter von Afrikanet und aktiver Beobachter der österreichischen Medienszene im Bezug auf Schwarze Menschen aus Afrika und der Diaspora konnte ich in den letzten fünf Jahren folgende positive Entwicklungen feststellen:
- Eine journalistische Wende in der Berichterstattung über Afrikanerinnen und Afrikaner in Österreich. Immer mehr einzelne JournalistInnen sowie Zeitungen vermeiden es stark, nur das Bild des drogendealenden Afrikaners zu zeigen. Das sind keine News mehr. – Immer öfter werden Personen der African Communities kontaktiert, um als Subjekte ihrer eigenen Geschichten zu fungieren.
- Immer mehr Medien und JournalistInnen lassen sich von erfahrenen Mitgliedern der African Communities gern beraten, wenn sie über diese berichten wollen. MitarbeiterInnen unseres Internet Infoportals Afrikanet.info haben in den letzten zwei bis drei Jahren viele Anfragen von JournalistInnen aus mehreren Mainstream-Medien erhalten. Wir werden als BeraterInnen eingesetzt, damit die journalistische Arbeit in den Mainstream-Medien über uns nicht verzerrt bleibt. Und eines ist klar ersichtlich: Es gibt einen grossen Unterschied zwischen Berichten die mit uns gestaltet werden und Berichte die über uns erscheinen. Was noch vor drei Jahren nicht möglich war: Die African Communities werden wahrgenommen. Nicht mehr als Objekte sondern als Subjekte.
Warum wächst das journalistische Interesse, AfrikanerInnen umfassend darzustellen?
Ein Verdienst der African Communities: Vor zehn Jahren haben die African Communities mit der Entstehung von Radio Afrika auf ORF MW 1476 begonnen, sich zu organisieren um eigene Bilder und Botschaften produzieren zu können. Der Durchbruch fand mit offener Medienkritik statt. Zuerst auf einzelnen Personen konzentriert nahm die Kritik zu, als das “Aktionskomitee Schwarze Menschen in der Öffentlichkeit” gegründet wurde. Ziel dieses Komitees war es, die österreichische Medienlandschaft zu beobachten und Lob sowie Kritik an den jeweiligen Stellen zu deponieren, um eine “objektive” Betrachtung von Schwarzen Menschen in Österreich zu erreichen.
Heute haben wir im Raum Wien Initiativen wie Radio Afrika und Afrika TV , Radio BIG und Discover TV . In Raum Linz das Programm “Voice of Africa” auf Radio FRO ( www.fro.at ). Im Raum Klagenfurt können AfrikanerInnen die Sendung “Zion Train”, eine wöchentliche Sendung von Radio Agora, hören.
In Graz greifen HörerInnen auf Programme von African Time auf Radio Helsinki 92,6 zu. Gehört wird meistens Afrikanische Musik, News aus den eigenen Communities sowie Diskussionen über aktuelle Themen.
Die österreichische Zivilgesellschaft: Die österreichische Zivilgesellschaft hat bei der Verbreitung alternativer und differenzierter Nachrichten über die African Communities eine große Rolle gespielt – und sie spielt diese Rolle bis heute.
Die Entstehung von freien Medien: Freie Medien – wie ORF MW 1476 (http://1476.orf.at ), Radio Orange (Wien, http://www.orange.or.at), Radio FRO (Linz, http://www.fro.at), Radio Agora (Kärnten, http://www.agora.at) oder Okto TV im Raum Wien (http://www.okto.tv) – haben den Raum für die Selbstdarstellung der Afrikanischen Communities geschaffen und geboten.
Nächste Ziele
Diese Initiativen sind wichtig für uns AfrikanerInnen in Österreich, da wir so über uns in den unterschiedlichsten Kanälen berichten können. Das alleine greift aber zu kurz. Viele dieser Medieninitiativen werden in einer großen Mehrheit von AfrikanerInnen konsumiert und nur von wenigen ÖsterreicherInnen. Umgekehrt bringen nur wenige AfrikanerInnen Interesse für Mainstream-Medien auf, die aber eine große Mehrheit von Österreichern erreichen. Diese Ghettoisierung auf beiden Seiten möchten wir überwinden.
Die Eroberung der Redaktionen von Mainstream-Medien durch JournalistInnen afrikanischer Herkunft gehört zu den Wegen, die wir zu gehen versuchen. Um dieses Ziel zu erreichen, brauchen wir eine starke Kooperation mit hier ansässigen Medienmachenden und Medienschaffenden. (Fremde Feder von Simon Inou, derStandard.at)
Zur Person
Simon Inou lebt als Journalist in Wien. Er ist Chefredakteur des Online Magazin AFRIKANET , des ersten Informationsportals betreffend Menschen afrikanischer Herkunft und ihrer Diaspora im deutschsprachigen Raum. Er wurde mehrmals für seine journalistische Arbeit ausgezeichnet.