Simon Inou, Journalist aus Kamerun, hat es sich zum Ziel gesetzt, Zuwanderer in den Medien nicht mehr nur als Täter oder Opfer erscheinen zu lassen sondern sie auch als Journalisten zu fördern.

Konfrontationskurs statt Kuschelkurs“: Das scheint Simon Inous Motto und auch gleichzeitig das „Unösterreichische“ an ihm zu sein. Denn eines war dem seit 1995 hier lebenden Kameruner mit anerkanntem Flüchtlingsstatus schnell klar: In Österreich „tuschelt“ man lieber, als Dinge offen anzusprechen. Der Leiter des Vereins M-Media und Organisator der „Medien.Messe.Migration“ hat es sich zum Ziel gesetzt, Zuwanderer in den Medien nicht mehr nur als Täter oder Opfer erscheinen zu lassen und sie auch als Journalisten zu fördern. Seit zweieinhalb Jahren erscheint in der „Presse“ eine wöchentliche Seite dieser Redaktion (siehe Artikel unten).

Inou ist selbstbewusst, gebildet, hoch engagiert – und war von Anfang an gut vernetzt. Der Soziologiestudent und Journalist, der in Kamerun regierungskritische Texte verfasst hatte, war gerade in Graz bei einer Tagung des katholischen Publizistenverbandes, als seine Familie daheim Polizeibesuch erhielt. Bei der Rückkehr drohe Verhaftung, hieß es damals. Plötzlich war der privilegiert aufgewachsene, aber laut Eigendefinition „rebellische“ Enkel eines afrikanischen Königs zum Flüchtling geworden, der sogar eine Woche in Traiskirchen in einem Zwölf-Betten-Zimmer verbringen musste. „Das war schon schrecklich“, sagt er rückblickend.

Aber das Netzwerk der Tagungsteilnehmer half. „Ohne ihre Unterstützung hätte ich es nicht geschafft“, glaubt Inou, der damals zwar Englisch und Französisch, aber kein Deutsch sprach. „Deutsch lernen, Ö1 hören, Qualitätszeitungen lesen“ war ihr Rat, den er befolgt hat. Mittlerweile hat Inou ein Publizistik-Bakkalaureat absolviert und ist auch in der Politik nicht schlecht vernetzt.

Als Josef Pröll zuerst in seinem Perspektivenpapier und dann letzten Oktober bei seiner Rede als Finanzminister das Thema Migranten ausließ, schrieb Inou im „Falter“ frech: „Herr Finanzminister, das geht gar nicht.“ Prompt lud ihn dieser zum Gedankenaustausch ein. Doch an einen echten Einstieg in die Politik denkt der quirlige Mann aus Kamerun nicht – oder noch nicht. Dafür würde ihm nicht nur ein Parteibuch fehlen, sondern auch der österreichische Pass. Erst wenn Österreich wirklich bereit für ihn sei, wolle er diesen annehmen, sagt Inou. Und das sei erst der Fall, wenn die Abweisung Schwarzer durch Restaurantbesitzer echte rechtliche Folgen habe. Ihm ist das öfter passiert. Seinen Kampf gegen Rassendiskriminierung trägt er buchstäblich vor sich her: T-Shirts, die er anfertigen ließ, haben die Aufschrift „Mein Julius“ und eine schwarze Hand, die den Fes zerdrückt, der den Mohrenkopf im Meinl-Logo ziert – zumindest auf den Meinl-Tragtaschen. Aus dem Firmenschild am Wiener Graben ist der Mohr verschwunden – was Inou auch als Erfolg für sich verbucht – wenngleich er dafür böse Reaktionen erntete.

Bitterkeit ist ihm aber ohnehin fremd. Er schwärmt von der „großen Zivilgesellschaft“ in Österreich, die „sehr mobilisierbar“ sei. Und: „Am Anfang ist es schwierig, einen Österreicher zu überzeugen. Aber wenn er sagt, ,Ich bin mit dir‘, dann funktioniert das.“ Inou ist selbst mittlerweile mit einer Österreicherin verheiratet und hat mit ihr drei Kinder. Zwei seiner Geschwister leben ebenfalls in Wien, seine Mutter aber blieb in Kamerun.

Role-Model

Was er als seine Berufsbezeichnung angibt? „Projektleiter bzw. Projektentwickler – ich bin immer auf der Suche nach neuen Herausforderungen.“ Eines ist Inou jedenfalls ganz sicher: Role-Model für Integration, gerade für Schwarze, die in Österreich schnell in den Verdacht geraten, Drogendealer zu sein. Dennoch sieht er eine positive Entwicklung: „Diversität und Migration sind jetzt in.“

Was ihm zu Beginn in Österreich ganz besonders aufgefallen ist: Der Umgang mit der Zeit: „Die Badner Bahn kam jeden Tag pünktlich um 6.45 Uhr in der Früh. Ich konnte es gar nicht fassen. Es gibt ja das Sprichwort: Europa hat die Uhr, Afrika hat die Zeit.“ Außerdem wunderte er sich darüber, dass in der U-Bahn alle Zeitung lasen, statt miteinander zu reden. Mittlerweile liest er dort selbst – und meint, dass ein höherer Organisationsgrad viele Probleme Afrikas lösen würde. Man könnte sagen, Inou hat sich perfekt angepasst. Umgekehrt wünscht er sich von den Österreichern aber ebenfalls einen Bewusstseinsbildungsprozess, in dem Sinne: „Migranten und hier geborene Österreicher haben nicht dieselbe Vergangenheit. Aber die gleiche Zukunft.“

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Quelle: Die Presse