Was die Revolutionen in der arabischen Welt, das Ende der Apartheid in Südafrika, die mexikanische Stadt Ciudad Juárez und Bluetooth mit dem Weltfrauentag zu tun haben, erklärt Simon Inou in dieser Kolumne.

In der arabischen Welt gibt es zurzeit einen grundlegenden gesellschaftlichen Prozess der Veränderung. Nach vielen Jahren der Diktatur, autokratischen Machtführung und Unterdrückung der Bevölkerungen ist es für die Regierenden nun an der Zeit, mehr Respekt zu demonstrieren. Dieser arabische Frühling hat in Tunesien mit der Selbstverbrennung von Mohammed Bouazizi begonnen.

Der 26jährige wurde Opfer einer Diktatur, die es auf die junge und gebildete Generation abgesehen hatte. Laut einem Bericht der plastischen Chirurgischen Abteilung (Schwerbrandverletzte) des in Tunis ansässigen Krankenhauses Aziza Othmana sind seit 1998 15,1 Prozent der Abteilungsaufnahmen auf Selbstverbrennungen zurückzuführen. Es bedeutet, dass die Geste von Mohammed Bouazizi keine Einzeltat bzw. isolierte Tat war. Die Tat war Teil einer langen Reihe von Verzweiflungstaten. Warum war diese Geste diejenige, die das Land zum Kochen gebracht hat? Weil Mohamed Bouazizi von einer jungen Frau geohrfeigt wurde. Ein Verhalten, dass in der ethnischen Gruppe der Hamama in Tunesien als Verletzung gegen den Stolz bzw. als Schande für den ganzen Stamm gilt.

Kampf gegen Rassismus

Nicht nur in Tunesien sondern auch in Südafrika haben Frauen gegen unmenschliche und undemokratische Regime gekämpft. Doch in der gegenwärtigen Geschichte werden nur Männer als Vorkämpfer gezeigt und gewürdigt. Im Kampf gegen die Apartheid wird nur eine Frau, nämlich Winnie Mandela, erwähnt. Haben Sie von Florence Matomela, Mama Beshenga, Elizabeth Mafikeng, Bertha Gxowa Mashaba, Jetta Barenblatt gehört? Da sind nur ein Handvoll Frauen, die gegen die Terrormacht in Südafrika gekämpft haben. Diese Kämpfe haben zur Zerschlagung des Rassismus in Südafrika geführt. Erst im Jahr 2010 – zwanzig Jahre nach der Befreiung Nelson Mandelas – wurden sie sowie ihre Taten von der südafrikanischen Regierung anerkannt.

Eine technische Revolution

Eine andere Revolution, die mich auch geprägt hat, ist Hedy Lamarr geb. Hedwig Eva Maria Kiesler zu verdanken. Diese Filmschauspielerin begleitet uns jeden Tag in unserer Kommunikation. Eine Erfindung dieser engagierten Dame, die gegen den Nationalsozialismus kämpfte, benutzen wir täglich: Diese Schauspielerin aus Wien erfand zusammen mit dem Komponisten George Anteil das Frequenzsprungverfahren, das heute in der Mobilfunktechnik eine wesentliche Rolle spielt. Beim Frequenzsprungverfahren wird die zu übertragende Information nacheinander auf viele Kanäle verteilt. Bluetooth ist die praktischste Anwendung des Verfahrens.

Gerechtigkeit für Frauen

Rigoberta Menchu aus Guatemala bleibt eine Ikone – sowohl in Lateinamerika, als auch weltweit. Die aus Guatemala stammende Menschenrechtsaktivistin ist Preisträgerin des Friedensnobelpreises. Sie erhielt ihn1992. Lateinamerika erinnert uns nicht nur an schöne Tänze und Karnevale. Dort wird nicht immer gefeiert, wie wir es wahrnehmen. Der Kontinent wird von massiven Frauenrechtsverletzungen erschüttert, die kaum wahrgenommen werden.

In der mexikanischen Stadt Ciudad Juárez – auch als „Welthauptstadt der Frauenmorde“ bekannt – wo mehrere global agierende Konzerne wie Siemens, Bosch, Nike, Mitsubishi, Sony aktiv sind, wurden zwischen 1993 und 2008 600 Frauen ermordet und 3000 Frauen sind verschwunden. Mehr als 200.000 Frauen arbeiten dort unter prekärsten Bedingungen, damit wir in Europa das Leben genießen können. Wie attac in einem Bericht bemerkt: „Mehr als die Hälfte der jungen Frauen, die etwa 65 Prozent der Arbeitskräfte in Ciudad Juárez stellen, sind ledige Mütter. Viele gingen alleine von zuhause weg, um mit einem Teil ihres Einkommens ihre Familien zu unterstützen. Sie arbeiten in den Billiglohnfabriken, in Bars und Restaurants, als Prostituierte. Und viele, die auf der Suche nach Arbeit dorthin kamen, kehren nicht mehr zurück.“

Sie fragen sich, wo die Behörden sind? Seit fast zwanzig Jahren haben sie nichts aufklären können, trotz kostspieliger Untersuchungen. Eine Frau riskiert täglich ihr Leben und fordert die Behörden heraus. Marisela Ortiz Rivera, Lehrerin, Journalistin und Mitarbeiterin der Organisation Nuestras Hijas de Regreso a Casa berichtet ständig über diese Morde und mobilisiert Menschen weltweit, um gegen die Straflosigkeit etwas zu unternehmen. Was tun wir als Konsumenten?

In den letzten hundert Jahren haben Frauen viele Revolutionen begleitet und sind auch Katalysatoren gegenwärtiger Revolutionen, die oft im kleinen Kreis beginnen.

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Erschienen in SOCIETY